Bericht der DPA (Deutsche Presse Agentur)

VON SOPHIA-CAROLINE KOSEL

Neubrandenburg/Stettin/dpa - Wenn Horst Schild zu seinem Zahnarzt fährt, sitzt er knapp sechs Stunden im Zug und überquert die frühere EU-Außengrenze. Obwohl es in seiner Heimat Minden in Westfalen genügend Zahnarztpraxen gibt, nimmt er diese Strapaze in Kauf. Schild lässt seine Zähne im polnischen Stettin auf Vordermann bringen. In der Zahnklinik Hahs, die der Westfale regelmäßig besucht, ist er bei weitem nicht der einzige Deutsche. Jeder fünfte Patient kommt aus der Bundesrepublik.

"Wir laden Sie herzlich ins Ausland ein", heißt es auf der Internetseite der in einer 6000-Quadratmeter großen Villa untergebrachten Zahnklinik. "Bei uns ist der Patient in der Mitte und um ihn herum der Zahnarzt, seine Assistentin, die Empfangsdame und die Putzfrau", sagt Marcin Gaborski, Schwiegersohn des Klinikchefs und gelernter Ökonom. Der 30-Jährige managt das Team: elf Deutsch oder Englisch sprechende Zahnärzte, acht Arzthelferinnen und sieben Zahntechniker.

Stolz zeigt Gaborski die acht Behandlungsstühle. "Wir können acht Patienten parallel behandeln. Weil das oft nicht reicht, kaufen wir jetzt noch zwei weitere Stühle." Nur jeder zweite Patient in der 20 Jahre alten Zahnklinik ist Pole. In Stettin, wo es rund 3000 Zahnärzte gebe, sei dies für die Einheimischen eine Luxusklinik, sagt Gaborski. Jeder fünfte Patient komme aus Deutschland, jeder vierte aus Dänemark. "Hier zahle ich nur den halben Preis", sagt eine 59- jährige Dänin, die Urlaub und Zahnarztbesuch miteinander verknüpft.

Auch Horst Schild, der im Juni eineinhalb Wochen lang täglich auf einem Hahs-Zahnarztstuhl saß, spart die Hälfte. Für Ausländer sind die Preise günstiger als in der Heimat, weil die polnischen Zahnärzte weniger Miete und niedrigere Löhne zahlen. "Zuerst haben wir die ausländischen Patienten mit einem niedrigen Preis überzeugt, jetzt wollen wir sie mit Qualität an uns binden", sagt Gaborski.

Dass der Zahnarztbesuch im Ausland jedoch auch Risiken birgt, ergab eine Studie der Universität Mainz und des Medizinischen Dienstes Rheinland-Pfalz. Nur jeder vierte Befragte gab an, mit dem Zahnersatz aus dem Ausland zufrieden zu sein. Die Mehrheit musste sich in Deutschland nachbehandeln lassen - und hatte unter dem Strich höhere Kosten.

In der Patientenkartei der Zahnklinik sind Berliner, Münchner und Hamburger zu finden. Aus der deutsch-polnischen Grenzregion in Mecklenburg-Vorpommern sind aber nur wenige Zahnpatienten gen Osten gewandert. "Eine Massenflucht hat nach dem 1. Mai nicht eingesetzt", sagte ein Sprecher der Zahnärztekammer des Landes. Aber die unweit der Grenze praktizierenden Kollegen seien verunsichert. Sie rechnen damit, dass der Medizintourismus im Zuge der Ausgliederung der Zahnarztleistungen aus der Gesetzlichen Krankenversicherung zunehmen wird.

So oder so: Der Westfale Schild ist nach eigenen Angaben so zufrieden, dass sich nun auch seine Lebensgefährtin die Zähne in Polen machen lässt. Im Internet hatte er nach günstigen Zahnbehandlungen in Osteuropa gesucht und war auf die Stettiner Dentisten gestoßen. Seit es die von der EU geförderte Internetseite gebe, nehme das Interesse aus dem Ausland zu, sagt Gaborski. Auch von der EU-Erweiterung profitiere die Zahnklinik. "Seit dem 1. Mai kommen mehr Deutsche. Sie haben jetzt weniger Angst, nach Polen zu kommen."

Deutsche Presse-Agentur GmbH (dpa)

Deutsch
Tytul drugi: 
Ein Zahnarzt in Polen. Lange Reise, halber Preis.
Teaser: 

Jeder fünfte Patient kommt aus Deutschland.

Data: 
23. August 2004